Evangelische Hochschule Tabor

Sommersemester 2010

Wiki-Projekt

Elisabeth von Thüringen (1207-1231)


Literatur: Caesarius von Heisterbach: Das Leben der Heiligen Elisabeth und andere Zeugnisse (Marburg 2007) [abgekürzt: CvH]; Dietrich von Apolda, Das Leben der heiligen Elisabeth (Marburg 2007) [abgekürzt DvA]; Wolfhard Vahl, Konrad von Marburg, die heilige Elisabeth und der Deutsche Orden (Marburg 2007); 700 Jahre Elisabethkirche in Marburg, Ausstellungskatalog, 8 Bände (Marburg 1983) [EK].

1. Die Quellensituation
Über kaum eine andere Frau des Mittelalters sind wir so gut unterrichtet, wie über Elisabeth von Thüringen. Aufgrund ihrer schon bald nach ihrem Tod vorangetriebenen Heiligsprechung entstanden schnell einige Augenzeugenberichte:
    • 1232: Konrad von Marburgs Summa Vitae – Lebensbeschreibung Elisabeths auf wenigen Seiten (CvH 127-135)
    • 1235: Der Libellus (Büchlein), eine Zusammenstellung von Augenzeugenberichten der vier Dienerinnen Elisabeths, Guda, Isentrud, Elisabeth und Irmgard (CvH 137-193)
    • 1236: Caesarius von Heisterbach: Das Leben der Heiligen Elisabeth. Im Auftrag des Deutschen Ordens verfasst der Zisterziensermönch nach der Heiligsprechung aus den erstgenannten Quellen eine ausführliche Lebensbeschreibung um Elisabeth als Heilige bekannt zu machen. (CvH 7-91)
    • 1237: Caesarius von Heisterbach: Sermo der Translatione Beate Elyzabeth. Eine Predigt aus der wir viel über die Umstände der Erhebung der Gebeine im Mai 1236 erfahren. (CvH 93-115)
    • 1297: Dietrich von Apolda: Das Leben der heiligen Elisabeth. Gut 60 Jahre nach ihrem Tod schafft der Erfurter (also Thüringer!) Dominikanermönch eine sehr ausführliche und teilweise legendenhaft ausgeschmückte Lebensbeschreibung Elisabeths, die sich rasch weit verbreitete und die Elisabeth-Verehrung stark förderte. Hierbei wird vor allem die Vor-Marburger Zeit in Thüringen breit erzählt. (DvA 23-227)
Alle weiteren Darstellungen Elisabeths bauen auf diesen Quellen auf. Zusätzliche Erkenntnisse bieten allerdings noch die archäologischen Ausgrabungen rund um die Elisabethkirche in Marburg.



2. Geburt und frühe Kindheit in Ungarn
Elisabeth wurde (am 7.7.?) 1207 als zweites von fünf Kindern des ungarischen Königspaares Andreas II. und (der deutschstämmigen) Gertrud von Andechs-Meranien geboren. Geburtsort war wahrscheinlich die Burg Sarospatak im heutigen Nordosten Ungarns.
Dietrich von Apolda berichtet, dass die Geburt Elisabeths und ihre spätere Heiligkeit schon 1207 durch den ungarischen Magister Klingsor vorhergesagt wurde (der gerade in Eisenach war, um einen Sängerwettstreit auf der Wartburg zu entscheiden) [DvA 31]
Wie damals üblich wurden politische Bündnisse durch Heiraten befestigt. Für Elisabeth wurde deshalb schon 1211 die Ehe mit dem thüringischen Thronfolger Ludwig vorgesehen. Zu dieser Zeit wurde nämlich im Deutschen Reich gerade der Staufer Friedrich II. zum Gegenkaiser gegen den regierenden Welfen Otto IV. gewählt. Ungarn und Thüringen festigten 1211 durch die Verlobung der vierjährigen Elisabeth mit dem elfjährigen Ludwig (*28.10.1200) ihre Einbindung in die staufische Partei.


3. Kindheit auf der Wartburg in Eisenach
Eine thüringische Gesandtschaft zog 1211 nach Ungarn und holte Prinzessin Elisabeth mit einer überaus reichen Mitgift nach Thüringen. [DvA 35]. Elisabeths Mutter Gertrud allerdings wurde schon 1213 von aufgebrachten Ungarn ermordet, da sie dort als rücksichtslos und herrschsüchtig galt.
Der thüringische Landgrafenhof in Eisenach war zu Beginn des 13.Jahrhunderts einer der prachtvollsten und reichsten Fürstenhöfe Europas. Elisabeth wurde nun gemeinsam mit ihrem zukünftigen Ehemann Ludwig erzogen und auf die Zukunft als Landgrafenpaar vorbereitet. Ihre aus Ungarn mitgebrachte Dienerin Guda berichtete, dass Elisabeth schon als Kind eine ungewöhnlich tiefe Frömmigkeit ausstrahlte, viel Zeit im Gebet verbrachte und sich aus Liebe zu Gott manche Dinge versagte [CvH 139-141, DvA 37-41].


4. Die Ehe mit Landgraf Ludwig IV. von Thüringen
Im Jahr 1217 starb Landgraf Hermann I. von Thüringen, so dass sein 17-Jähriger Sohn Ludwig zum regierenden Landgrafen ernannt wurde. Als Elisabeth mit 14 Jahren ehemündig wurde, kam es 1221 zur Eheschließung gegen manche Intrigen am Fürstenhof (vgl. DvA 43-45). Ludwig und Elisabeth liebten sich tatsächlich sehr, so dass die schon von langer Hand arrangierte Fürstenhochzeit tatsächlich auch eine Liebesheirat wurde (was damals an Fürstenhöfen eine Seltenheit war) [DvA 47-49]. Ihnen wurden drei Kinder geboren: Hermann (*1222), Sophie (*1224) und Gertrud (*1227).

5. Elisabeth als Landgräfin
Elisabeth versuchte auch als Ehefrau neben den repräsentativen Aufgaben als Landgräfin ihre Frömmigkeit zu pflegen und wurde dabei von ihrem Mann voll unterstützt. Sie stand oft nachts auf um zu beten (DvA 51), versagte sich manchmal absichtlich die Gemeinschaft des Ehebetts oder ließ sich von ihren Dienerinnen geißeln (DvA 53). Kirchliche Fest- und Fastenzeiten hielt sie streng ein. Während einer Messe soll sie einmal von einem himmlischen Licht umleuchtet worden sein (DvA 71). An der Fürstentafel aß sie (auf Weisung Konrads) nur die Speisen, bei denen sie sicher war, dass sie nicht unrechtmäßig erpresst oder entwendet worden waren, weshalb sie oft Hunger litt (DvA 55). Ihre Kleidung versuchte sie schlicht zu halten, soweit ihr das als Fürstin möglich war (DvA 57). Teilweise zog sie nur ein einfaches Gewand und Sandalen an (DvA 73). Anstatt von Vergnügungen spann und nähte sie Kleidung für Bedürftige (DvA 63). Sie verteilte Geld an die Armen, wusch Leprakranke, küsste ihre Geschwüre, kleidete sich wie eine arme Frau und ging so barfuß unters Volk. Bei Bittprozessionen ging sie barfuß und in einem Wollgewand hinterher (DvA 74-75). Als im Jahr 1226 in Abwesenheit Ludwigs eine Hungersnot in Thüringen ausbrach, ließ Elisabeth die fürstlichen Kornvorräte ans Volk verteilen und errichtete unterhalb der Wartburg ein Hospital, in dem sie selbst half die Kranken zu pflegen und arme Kinder aufzuziehen (DvA 91).

6. Elisabeth und Franz von Assisi
Franz von Assisi (1182-1226) schickte schon 1221 die ersten Brüder seines neu gegründeten Bettelordens nach Deutschland. 1224 ließen sich sieben Franziskanerbrüder im thüringischen Erfurt nieder. Der Mönch Rodeger gelangte zu Elisabeth an den Eisenacher Hof und führte sie mit Erlaubnis Ludwigs in die franziskanischen Armutsideale ein. Mit Franziskus fühlte sich Elisabeth seelenverwandt.

7. Das „Kreuzwunder“
Dietrich von Apolda erzählt, dass Elisabeth einst bei einem Aufenthalt auf der Neuenburg einen Leprakranken gewaschen und ins Fürstenbett gelegt habe. Ihre darüber erboste Schwiegermutter führte Ludwig zum Bett, um es ihm zu zeigen. „Da öffnete Gott die inneren Augen des frommen Fürsten und er sah den Gekreuzigten, der in seinem Bett lag. Durch diese Betrachtung getröstet, bat der fromme Fürst seine heilige Frau, sie möge noch öfter solche Lepra-Kranke in sein Bett legen. Er hatte nämlich verstanden, dass in seinen schwachen und kranken Gliedern der Herr Christus aufgenommen und gepflegt wird.“ (DvA 63)

8. Das „Mantelwunder“
Dietrich von Apolda erzählt, dass Elisabeth einst auf dem Weg zu einem großen Fest im Fürstensaal der Wartburg von einem sehr aufdringlichen Bettler aufgehalten wurde. Elisabeth schenkte ihm schließlich ihren kostbaren Mantel. Als Ludwig (dem das angesagt worden war) Elisabeth daraufhin in ihrem Zimmer aufsuchte und sie zum Essen bat, fragte er wo ihr Mantel sei. „Sie sagte: ‚Dort im Schrank!’ Die Dienerin fand den Mantel, den sie dem Armen geschenkt hatte, im Schrank, wohin er von Gott zurückgebracht worden war.“ (DvA 69).

9. Das „Rosenwunder“
Diese Legende ist im 13.Jahrhundert noch unbekannt. Erst im 15.Jahrhundert wird sie auf Elisabeth übertragen und dann in vielen Darstellungen und Erzählungen verbreitet:
Elisabeth soll danach wieder einmal mit einem Korb voller Brote von der Wartburg auf dem Weg nach Eisenach gewesen sein. Ludwig wurde daraufhin von seinem Hofstaat aufgehetzt, dagegen vorzugehen. Er trat Elisabeth entgegen und fragte sie, was sie in ihrem Korb habe. Als sie daraufhin den Korb öffnete sah Ludwig nichts anderes als Rosen.


10. Konrad von Marburg
Konrad wurde zwischen 1180-1190 in der Gegend von Marburg geboren. Er studierte an einer (unbekannten) Hochschule Theologie und erwarb den Magistertitel = die akademische Lehrbefugnis. Er war also sozusagen Theologieprofessor und Priester, aber gehörte keinem Mönchsorden an, d.h. er war ein Weltgeistlicher. Nachdem Papst Innozenz III. im Jahr 1213 zu einem neuen Kreuzzug aufgerufen hatte, berief er unter anderem 1216 Magister Konrad zum Spezialbevollmächtigten für die Betreuung der Kreuzfahrer und Einsammlung der Kreuzzugsgelder. Bis 1227 war er somit als „Kreuzzugsprediger“ tätig. Er wurde als hoch gebildet und wortgewaltig beschrieben und lebte in freiwilliger Armut (DvA 97).
Elisabeth lernte Konrad kennen, als dieser im Frühjahr 1226 nach Thüringen kam. Sie war von seiner Bildung und seinem radikalen Lebensstil beeindruckt und wählte ihn sich zum persönlichen Beichtvater. Ludwig war damit einverstanden und hoffte vielleicht, dass er helfen könnte, Elisabeth so zu begleiten, dass sie nicht völlig aus ihrer Rolle als Fürstin heraus fiel. Elisabeth gelobte Konrad in einem Kloster in Eisenach Gehorsam und Enthaltsamkeit (für den Fall des Todes Ludwigs) (CvH 129, DvA 99).


11. Ludwigs Tod
Schon 1224 hatte sich Landgraf Ludwig zur Teilnahme am nahenden Kreuzzug verpflichtet, wohin er am 24.6.1227 aufbrach. Elisabeth begleitete ihn (im 6.Monat schwanger!) in tiefer Liebe (und Todesahnung) noch drei Tagesreisen weit bis an die thüringische Landesgrenze (DvA 111). Ludwig zog an den Kaiserhof Friedrichs II. nach Süditalien, von wo aus wo das Kreuzfahrerheer ins Heilige Land segeln wollte. Doch schon vor dem Aufbruch breitete sich eine Seuche mit heftigem Fieber aus, an der Ludwig im Hafen von Otranto am 11.9.1227 starb. Elisabeth erfuhr dies erst im Oktober, kurz nach der Geburt ihrer Tochter Gertrud (*29.9.1227). Als Elisabeth die Todesnachricht überbracht wurde, rief sie nach Dietrich von Apolda aus: „Tot – tot ist für mich nun auch die Welt und alles, was im Leben Freude bereitet!“ (DvA 119)

12. Die Zeit der Ungewissheit
Ludwigs Bruder Heinrich Raspe wurde neuer Landgraf. Damit war Elisabeth nicht länger Landgräfin. Halb freiwillig, halb gedrängt verließ sie die Wartburg und verbrachte den Winter 1227/1228 unter widrigsten Bedingungen in Eisenach. Ihre drei Kinder gab sie in standesgemäße Obhut, damit sie gut aufgezogen wurden. Sie selbst wollte nun ein Leben in freiwilliger Armut führen. Nun allerdings griff Magister Konrad ein. Er erwirkte vom Papst einen Schutzbrief für Elisabeth und wurde von diesem auch zu ihrem weltlichen Vormund ernannt. Am Karfreitag 1228 konnte er Elisabeth gerade noch so daran hindern, auf den gesamten ihr zustehenden Besitz zu verzichten (DvA 150f).
Nun griff auch Elisabeths mütterliche Familie ein. Ihre Tante Mechthild, Äbtissin von Kitzingen, ließ sie (gegen ihren Willen) zu ihrem Onkel, dem Bischof von Bamberg bringen. Es wurde versucht, eine neue Hochzeit mit einem Fürsten zu arrangieren, evtl. sogar mit Kaiser Friedrich II. Elisabeth aber wollte unbedingt ehelos bleiben, und sagte: „... und wenn ich keinen anderen Ausweg wüsste, würde ich mir heimlich mit eigener Hand die Nase abschneiden, so dass jeder Mann, wenn ich derart entstellt wäre, vor mir zurückschrecken würde.“ (DvA 129) Elisabeth wurde zunächst auf der Burg Pottenstein bei Bamberg festgesetzt. Dann aber wurden die Gebeine Ludwigs (also die Knochen – die Leiche wurde in Süditalien gekocht bis sich das Fleisch ablöste und dort gesondert beerdigt werden konnte) nach Thüringen überführt, was Elisabeth Gelegenheit gab, aus der Brautverwahrung zu entweichen um zur Grablegung ins Kloster Reinhardsbrunn zu fahren. Am Rande der Feierlichkeiten gelang es Magister Konrad auszuhandeln, dass Elisabeth mit einer Abfindung von 2000 Mark (der Wert von etwas 100 Landgütern!) sich am äußersten Rand des thüringischen Herrschaftsbereichs in Marburg niederlassen durfte.


13. Der Neuanfang in Marburg
Elisabeth begann zunächst sich in einem verlassenen Hof in Wehrda einzurichten, bis für sie ein Fachwerkhaus in Marburg errichtet worden war (neben der heutigen Elisabethkirche) (DvA 151). Daneben ließ sie ein kleines Krankenhaus errichten. Das Hospital muss man sich als Fachwerkbau vorstellen, in dessen Saal Reihen von Krankenbetten aufgestellt waren. Der Krankensaal ging vorne fließend in einen Chor mit Altar über, also eine Kapelle. Die Kranken konnten somit von ihren Betten aus an den Gottesdiensten teilnehmen. Im Altar befand sich ein kleines Zinnkästchen mit einer Reliquie von Franz von Assisi, der 1228 heilig gesprochen worden war. Die Hospitalkapelle war damit die erste geweihte Franziskuskapelle nördlich der Alpen, was die besondere Verbindung von Elisabeth und Franziskus deutlich macht.
Elisabeth legte nun ihre fürstliche Kleidung endgültig ab und zog mit ihren Dienerinnen einfache graue Gewänder an. Sie wurde keine Franziskanerin, sondern gründete eine eigene Hospitalgemeinschaft, die nach franziskanischer Art lebte.


14. Elisabeths karitative Tätigkeit in Marburg
Drei Jahre lang führte Elisabeth ihr Marburger Hospital und kümmerte sich bei jeder Gelegenheit um Arme und Kranke. „Die Elenden und Verachtetesten setzte sie an ihren eigenen Tisch.“ Sie war sich für keine Arbeit zu schade, verrichtete alle Küchen- und Waschtätigkeiten auch selbst, legte einmal einen schwerkranken Jungen in ihr eigenes Bett, und nahm sogar ein aussätziges Mädchen (gegen den Willen Konrads) in ihr Haus auf. Daneben pflegte sie eine tiefe Frömmigkeit in einsamen Gebetszeiten. (Konrad in CvH 131-33) Oftmals verschenkte sie Geld an Arme, einmal an einem einzigen festgesetzten Tag 500 Mark (nach heutigem Lebensmittelwert ca. 2 Millionen Euro), an Arme die aus dem Umkreis von 12 Meilen zum Hospital kommen konnten (CvH 173-175). Am Abend dieses Tages blieben viele bei Einbruch der Dunkelheit einfach auf dem Gelände. Elisabeth befahl noch einmal Geld und Brote zu verteilen. „Und sie ließ in der ganzen Länge des Hofes Feuer machen, vielen die Füße waschen und salben. Die Armen fingen an zu singen und sich wohl zu fühlen. Als die selige Elisabeth das hörte, sagte sie: ‚Seht, ich habe es doch gesagt, wir sollen die Menschen froh machen.’“ (CvH 175). Konrad versuchte immer wieder ihren Übereifer in Bezug auf Geldgeschenke und ansteckungsgefährdende Handlungen zu beschränken (CvH 167-169). Bei Ungehorsam wurde Elisabeth verabredungsgemäß von Konrad geschlagen (CvH 169).


15. Elisabeths Motivation
Elisabeths radikales Leben muss unter anderem auch auf dem Hintergrund des mittelalterlich-katholischen Werkgerechtigkeitsdenkens verstanden werden. Sie wollte sich durch ihr karitatives Engagement den Himmel verdienen. „Sie sagte, sie müsse, was hinter ihr liege durch das Entgegengesetzte auszugleichen und zu heilen suchen.“ (Konrad in CvH 131) Evtl. verstand sie also ihr Engagement für die Armen als Bußleistung für ihr Leben als Landgräfin? Konrad sagte, er gab ihr Anweisungen „... in der Erkenntnis, dass sie vollkommen werden wolle, ...“ (Konrad in CvH 131). Deshalb verfügte er z.B., dass eines Tages ihre beiden Lieblingsdienerinnen Guda und Isentrud sie verlassen mussten und ihr stattdessen zwei Frauen zur Seite gegeben wurden, die menschlich sehr schwierig waren. „Um sie zur Anhänglichkeit an Gott allein zu führen, entzog er ihr jeden menschlichen Trost.“ (CvH 167).

16. Tod und Beerdigung
Anfang November prophezeite Elisabeth (während sie völlig gesund war) Konrad, dass sie bald sterben werde. Vier Tage später wurde sie krank und lag zwölf Tage (CvH 133). Elisabeth starb am frühen Morgen des 17.11.1231 in ihrem Wohnhaus. Ihr Leichnam blieb zwei Tage lang aufgebahrt und erregte großes Aufsehen. „Alle waren von der Kraft ihres Glaubens erbaut; die einen schnitten Haare von ihrem Haupt, andere die Nägel von den Fingern, manche schnitten sogar die Ohrläppchen und die Brustwarzen ab, wieder andere schnitten etwas Stoff von ihrem Kleid ab und bewahrten dies alles als Reliquien.“ (DvA 197). Ihr Leichnam soll wundersam wohlriechend gewesen sein (CvH 135). Elisabeth wurde am 19.11.1231 unter großer Anteilnahme der regionalen Bevölkerung in ihrem eigenen Hospital beigesetzt, im vorderen Teil, also in der Nähe des Altars. Dies sollte ihr wohl die Fürsprache des Franziskus sichern (dessen Reliquie im Altar lag).

17. Wunder am Grab?
„Am Tage nach ihrem Begräbnis aber begann Gott alsbald durch seine Magd zu wirken. Denn ein Zisterziensermönch wurde an ihrem Grabe von einer Gehirnkrankheit, die er mehr als vierzig Jahre gehabt hatte, geheilt und beschwor dies in meinem Beisein und in Gegenwart des Pfarrers von Marburg.“ (Konrad in CvH 135). Konrad von Marburg ging schon kurz nach Elisabeths Tod daran, ihre Heiligsprechung in Gang zu setzen. Als erstes sorgte er deshalb dafür, dass der Hospitalbau zu einer wallfahrtsfähigen Kirche umgebaut wurde. Dieser so genannte Konradbau behielt weiterhin im hinteren Teil einen Krankensaal, bot nun aber durch einen Seiteneingang einen direkten Zugang zum Elisabethgrab. Bis zum Sommer 1232 bezeugten immer mehr Menschen, dass sie am Grab, bzw. (seltener) durch die Anrufung Elisabeths eine Wunderheilung erlebt hätten. Solche Zeugnisse galten allerdings nur dann für eine Heiligsprechung als glaubwürdig, wenn ein Bischof die Berichte selbst beglaubigte. Deshalb griff Konrad zu einem geschickten Schachzug. Zur Weihe der Altäre des Konradbaus musste der (eigentlich verfeindete) Mainzer Erzbischof am 10.August 1232 nach Marburg kommen. Während des Festgottesdienstes rief Konrad dann dazu auf, dass alle, die am Grab eine Wunderheilung erlebt hätten, am kommenden Tag vor dem Erzbischof ihr Zeugnis ablegen sollten. Der Erzbischof wohnte am folgenden Tag zähneknirschend den Berichten von 60 Zeugen bei und musste sie unterschreiben. Konrad fügte dann noch eine kurze Lebensbeschreibung Elisabeths bei, seine Summa Vitae, und schickte das Ganze nach Rom. Damit erschien der Erzbischof von Mainz als Bittsteller, das Heiligsprechungsverfahren gegenüber Elisabeth zu eröffnen. Der Papst setzte nun eine offizielle Kommission ein, welche im Januar 1233 insgesamt 106 Wunder als authentisch beglaubigte.

18. Der Tod Konrads
Ab Sommer 1227 widmete sich Konrad von Marburg in päpstlichem Auftrag der Ketzerverfolgung. Er war dabei so erfolgreich, dass er am 11.10.1231 von Papst Gregor IX. zum Ketzerrichter mit weitreichenden Vollmachten ernannt wurde. Dabei entwickelte Konrad eine immer größere Rigorosität und Realitätsferne. Im Juli 1233 wagte er es dann auf einer Reichsversammlung unter Anwesenheit des Königs den hochangesehenen Grafen Heinrich III. von Sayn der Ketzerei zu beschuldigen. Damit hatte er den Bogen überspannt. Die versammelten Fürsten waren empört und Konrad konnte seine Anklage nicht durchsetzen. Auf dem Rückweg wurden Konrad und sein Begleiter am Hof Capelle nördlich von Beltershausen im Ebsdorfergrund am 30.7.1233 ermordet. Sie wurden in der Grabeskirche Elisabeths in Marburg beigesetzt.

19. Die Heiligsprechung
Nach dem Tod von Magister Konrad kam das Heiligsprechungsverfahren zunächst ins Stocken. Erst durch die Initiative des inzwischen regierenden Landgraf Konrad von Thüringen wurde das Verfahren wieder aufgenommen. Erneut reiste eine Kommission hochrangiger Kleriker nach Marburg und bestätigte im Januar 1235 dann schon 129 erwiesene Wunder am Grab Elisabeths. Den Wunderberichten wurde nun auch noch der Libellus mit den Zeugenaussagen der vier Dienerinnen Elisabeths beigefügt, was bedeutete, dass nicht nur die Wunder nach ihrem Tod, sondern auch Elisabeths Frömmigkeit und karitative Hingabe bei Lebzeiten, ihre Heiligsprechung unterstützen sollten.
Daraufhin erhob Papst Gregor IX. am Pfingstsonntag, den 27.5.1235 in einer feierlichen Messe in Perugia Elisabeth zur Heiligen und bestimmte den Tag ihrer Beisetzung, den 19.11., zu ihrem Festtag.


20. Die Erhebung ihrer Gebeine
Es wurde festgesetzt, dass Elisabeths Gebeine am 1.Mai 1236 feierlich zur Verehrung aus dem Grab erhoben werden sollten. Zu diesem Datum strömten aus ganz Europa Arme und Reiche zusammen, selbst Kaiser Friedrich II. erschien mit seinem Gefolge und hüllte sich aus Demut und Ehrfurcht vor der heiligen in ein graues Gewand. Der Schädel Elisabeths wurde vom Leichnam getrennt. Ihm setzte Kaiser Friedrich eine goldene Krone auf. Die Gebeine (=Knochen) wurden in einen Bleisarg gelegt und zunächst auf den Altar der Hospitalkirche gestellt. Die restlichen Weichteile des Leichnams wurden in bleierne oder silberne Kästchen gelegt und wieder in das ursprüngliche Grab versenkt und somit den Pilgern zugänglich gemacht (CvH 105-107, EK VII,35). Gleichzeitig wurde die Anfertigung eines goldenen Schreins in Auftrag gegeben. 1249 wurden die Gebeine dann aus dem Bleisarg in den kostbaren goldenen Reliquienschrein umgebettet, der dann zunächst auf dem inzwischen fertig gestellten Hochaltar der im Bau befindlichen Elisabethkirche ausgestellt und 1280 dann endgültig die Sakristei gebracht wurde (wo er heute noch steht). Das Grab wurde 1250 mit einer Tumba überbaut und 1280 mit einem Baldachin überwölbt.

21. Der Deutsche Orden
Während des 3.Kreuzzugs gründeten deutsche Kaufleute im Jahr 1190 anlässlich der Belagerung von Akkon eine Hospitalbruderschaft zur Pflege kranker Pilger und verwundeter Kreuzfahrer. 1199 wurde die Bruderschaft in einen Ritterorden umgewandelt, der ab 1220 mit weitreichenden Privilegien ausgestattet wurde und besonders in Ostpreußen große Gebiete in Besitz nahm.
Am 1.7.1234 wurde das Elisabethhospital in Marburg auf Bitte des thüringischen Landgrafen dem Deutschen Orden übertragen. Kurze Zeit später entschied sich Konrad, der jüngste Schwager Elisabeths in den Deutschen Orden einzutreten und übergab dem Orden dabei beträchtliche Besitzungen rund um das Hospitalgelände. Er schaltete sich nun auch aktiv in das Heiligsprechungsverfahren ein.
Der Deutsche Orden baute Marburg dann zu einem wichtigen Zentrum aus. Seine Viehherden wurden auf der anderen Seite des Lahnufers auf dem „Ordensberg“ (heute Ortenberg) geweidet. 1809 wurde der Deutsche Orden von Napoleon verboten und seine Besitzungen aufgelöst. Dies bedeutete auch das Ende der Marburger Deutschordens-Niederlassung.


22. Der Bau der Elisabethkirche
Im Jahr 1235 wurde der Grundstein für die Elisabethkirche gelegt. Allen, die den Kirchenbau förderten wurde ein Ablass von 40 Tagen gewährt. 1283 wurde die Kirche geweiht. Die Bauarbeiten an den Türmen zogen sich dann noch weitere 50 Jahre hin. Die Elisabethkirche gilt als die erste reingotische Kirche östlich des Rheins. Der vordere Bereich, also der „Hohe Chor“ war den Mönchen des Deutschen Ordens vorbehalten. Öffentlich zugänglich war nur der hintere Kirchenbereich bis einschließlich des Grabes.

23. Pilgerströme nach Marburg?
Nach der Heiligsprechung Elisabeths im Jahr 1235 zog es viele Pilger aus ganz Europa nach Marburg. Die neu erbaute Elisabethkirche war also allein schon wegen der großen Zahl von Pilgern eine dringende Notwendigkeit. Es scheint aber so gewesen zu sein, dass der Deutsche Orden nach Abschluss der Bauarbeiten immer mehr das Interesse daran verlor, die Elisabethverehrung zu fördern. Als letzte große Wallfahrt erschien Kaiser Karl IV mit der Königinwitwe Elisabeth von Ungarn 1357 in Marburg. Es lässt sich aus den Kollekteneinnahmen der Elisabethkirche nachweisen, das spätestens ab 1380 dann kaum noch eine nennenswerte Zahl von Pilgern nach Marburg kam.

24. Die Gründung Hessens 1248
Im Jahr 1247 starb mit Heinrich Raspe der letzte männliche Nachkomme des ehemaligen Landgrafen Ludwig. Dies sahen einige Fürsten als Gelegenheit, thüringische Ländereien kriegerisch in Besitz zu nehmen. In dieser Lage erschien Herzog Heinrich II. von Brabant, der mit Elisabeths Tochter Sophie verheiratet war. Er stieß von Marburg nach Kassel vor und beanspruchte Thüringen für seine Frau Sophie und ihren gemeinsamen dreijährigen Sohn Heinrich (*1244). Als kurz danach Herzog Heinrich am 1.2.1248 überraschend starb, zog die 24-jährige Witwe Sophie mit ihrem kleinen Sohn voller Kühnheit nach Marburg und wurden dort in einem begeisterten Zug von den Bürgern eingeholt. Von hier aus versuchte sie kämpferisch die Herrschaft über Thüringen für ihren Sohn Heinrich zu gewinnen. Dies gelang ihr nur teilweise. Am Ende waren ihr die hessischen Besitzungen gesichert, während sie auf den thüringischen Besitz verzichtete. Sophies Sohn Heinrich I. von Hessen , auch genannt Heinrich, das Kind, wurde somit der erste Landgraf der selbständigen Landgrafschaft Hessen.



25. Landgraf Philipp und die Entfernung der Reliquien 1539
Landgraf Philipp (der Großmütige) I. von Hessen (1504-1567) war ein direkter Nachkomme Elisabeths. Er führte 1526 die Reformation in Hessen ein und gründete in Marburg 1527 die erste protestantische Universität der Welt. 1529 organisierte er das Marburger Religionsgespräch zwischen Luther und Zwingli, um zu einer theologischen und militärischen Einheit der Protestanten zu kommen.
Nachdem im Laufe der Jahrhunderte immer wieder einzelne Knochenstücke aus dem Reliquienschrein entnommen und verschenkt worden waren, ließ Philipp am 18.5.1539 die Gebeine Elisabeths aus dem goldenen Schrein in der Elisabethkirche entfernen. Der hessische Reformator Adam Krafft war Zeuge dieses Vorgangs und nannte drei Gründe dafür: Erstens wollte Philipp das 1.Gebot ernst nehmen, dass nur Gott selbst anzubeten und zu verehren sei. Zweitens handelte er aus der Überzeugung, dass es neben Christus keinen anderen Vermittler zu Gott gibt und drittens sollte ein etwaiges Wiederaufleben des Katholizismus damit erschwert werden. Elisabeth selbst wurde aber als Ahnherrin und geistliches Vorbild weiterhin von Philipp sehr geschätzt und geehrt.
Philipp hatte eigentlich seinem Statthalter Georg von Kolmatsch den Auftrag gegeben, die Gebeine an einem unbekannten Ort zu verstreuen. Der brachte das aber nicht übers Herz, sondern verwahrte sie wahrscheinlich in seinem Schloss in Wommen. Nach der Niederlage im Schmalkaldischen Krieg wurden die Gebeine 1548 dem Deutschen Orden zurückgegeben. Sie wurden aber nicht wieder in den goldenen Schrein gelegt, sondern in einem Sakristeischrank verwahrt. Dort verliert sich ihre Spur. Noch 1640 erzählte man sich, dass die restlichen Knochen in der Nähe des Hochaltars an geheimer Stelle beigesetzt wurden, um sie vor zukünftigen Zugriffen von Protestanten zu schützen. Vorher aber sollen schon 1588 ein Teil der Reliquien nach Wien verschenkt worden sein. Im dortigen Klarissenkloster werden bis heute der angebliche Schädel und zwei Oberschenkelknochen Elisabeths (nicht öffentlich zugänglich) verwahrt.


26. Das Elisabeth-Hospital
Durch den Bau der Elisabethkirche musste das ursprüngliche Hospital abgerissen werden. Es wurde zwischen 1235 und 1254 ungefähr 100 Meter südlich von der Elisabethkirche neu errichtet. 1809 wurde es zur Universitätsklinik umgewandelt. Das Hospitalgebäude von 1254 wurde bis 1888 als Krankenhaus genutzt und 1891 abgerissen. Lediglich der Chor der Hospitalkirche blieb bis heute als Ruine stehen.

27. Elisabeth-Deutungen heute
1797 veröffentlichte der Marburger Theologieprofessor Karl-Wilhelm Justi eine erste moderne aus historischen Quellen erarbeitete Biographie Elisabeths. Im 19.Jahrhundert entstanden dann viele romantisch-verklärende Darstellungen Elisabeths. 1836 erschien in dieser Prägung die sehr weit verbreitete Elisabeth-Biographie von Charles Forbes René Comte de Montalembert. 1931 sorgte dann Elisabeth Busse-Wilson (1890-1974) mit ihrem Buch „Das Leben der heiligen Elisabeth von Thüringen“ für großes Aufsehen, weil sie versuchte Elisabeth im Sinne der Psychoanalyse Sigmund Freuds zu deuten. Elisabeth wurde dabei als psychologisch sehr schwieriger und teilweise krankhafter Charakter dargestellt. Allerdings ist man sich heute bewusst, dass es letztlich unmöglich ist, von den vorhandenen Quellen ein tatsächliches Bild der Seelenstruktur Elisabeths zu entwerfen.